Alle in diesem Online-Magazin enthaltenen allgemeinen Empfehlungen ersetzen nicht den ärztlichen Rat bei individuellen Erkrankungen. Bitte suchen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden immer Ihren Hausarzt oder niedergelassenen Facharzt auf.

Interview mit Dr. Deynet
Chronische Schmerzen wurden in der Medizin lange Zeit falsch oder gar nicht behandelt. Während für akute Schmerzen schon immer galt, dass sie eine – mitunter lebenswichtige – Warnfunktion erfüllen, waren chronische Schmerzen vielfach nicht als eigenes Krankheitsbild anerkannt. Inzwischen hat in der Medizin ein Umdenken stattgefunden.
Warnsignale des Körpers
Nervenverletzungen, Krebs oder Diabetes: Chronische Schmerzen können viele Gründe haben. Doch im Unterschied zum akuten Schmerz klingen sie nach Beseitigung ihrer Ursachen nicht ab und erfüllen damit im strengen biologischen Sinn keinen Zweck. Oftmals wird über Jahre hinweg das Symptom „Schmerz“ behandelt, ohne die eigentliche Ursache dafür gefunden zu haben. Den meisten chronischen Schmerzpatienten schlägt erst einmal Unverständnis entgegen: „Man sieht doch gar nichts“, heißt es dann lapidar oder auch: „Das geht schon von alleine weg.“ Dabei ist auch chronischer Schmerz ein ernstzunehmendes Warnsignal unseres Körpers. Nur hat er nichts mehr mit seiner eigentlichen Warnfunktion zu tun, weswegen zahlreiche Schmerzpatienten Angst haben, dem Schmerz hilflos ausgeliefert zu sein. Die Lebensfreude, die Arbeit und das private Umfeld leiden oft erheblich. Schmerzbedingtes Schonverhalten an Körper und Seele verstärken das Leiden dann zusätzlich.
Schmerzzentrum des Ortenau Klinikums
Dr. Gerhard Deynet ist Chefarzt am Schmerzzentrum des Ortenau Klinikums in Lahr-Ettenheim. „Bei chronischen Schmerzen sind die Nervenimpulse außer Kontrolle geraten“, erklärt der Spezialist, der weiß, dass sich die Betroffenen noch vor wenigen Jahren häufig auf eine wahre Odyssee von Facharzt zu Facharzt begeben mussten. „Obwohl kein Schmerzreiz mehr vorhanden ist, sendet die Nervenzelle trotzdem Impulse.“ Die Ärzte sprechen in diesem Falle von einem Schmerzgedächtnis“, das die Nervenzelle entwickelt hat. Ist dieses Schmerzgedächtnis einmal aktiviert, werden mitunter selbst angenehme Reize wie Wärme oder Berührung als Schmerz empfunden. Sogar seelische Belastungen, Angst und Erinnerung können neue Beschwerden auslösen.
Hilfe gegen das Schmerzgedächtnis der Nervenzellen
Damit das nicht geschieht, sollten Patienten ihre Schmerzen keinesfalls ignorieren oder gar in Eigenregie behandeln, sondern rechtzeitig den Kontakt zu Spezialisten suchen. Beispielsweise im Schmerzzentrum des Ortenau Klinikums in Ettenheim, einer hochspezialisierten Einrichtung, in der mit großer fachlicher Kompetenz und langjähriger Erfahrung ausschließlich akute und chronisch schmerzkranke Patienten behandelt werden. „Wir setzen dabei auf ein ganzheitlich orientiertes, so genanntes multimodales Konzept“, so Dr. Deynet. Das bedeutet, dass in die Therapie der körperliche Aspekt ebenso einbezogen wird wie die gedankliche und verhaltensbezogene Auseinandersetzung des Patienten mit dem Schmerz. Die sicherlich größte Herausforderung ist dabei die so genannte Neubewertung der Schmerzen. So können bisweilen auch nach langer Zeit noch körperlich begründbare Ursachen diagnostiziert und behandelt werden.
Individuelle Therapie
Jede Behandlung setzt sich aus verschiedenen, mit dem Patienten abgestimmten Anteilen zusammen. Je nach Schmerzform beinhaltet dies etwa eine medikamentöse Schmerztherapie, physikalische Therapie Krankengymnastik), medizinische Trainingstherapie, diagnostische und therapeutische Lokalanästhesie, minimalinvasive Eingriffe an der Wirbelsäule und an Nerven, Radiofrequenz- und Kryotherapie und High-Tech-Verfahren wie Rückenmarksstimulation oder Medikamentenpumpen, die rückenmarksnahe Medikamente abgeben. Aber auch Stressbewältigungstechniken und Entspannungstechniken wie autogenes Training oder Biofeedback können sinnvoll sein und von Verhaltensänderungen im persönlichen Lebensstil begleitet werden. Je nach Schwere der Schmerzerkrankung kann eine stationäre Therapie erforderlich sein, die auf der eigens dafür ausgerichteten Schmerzstation angeboten wird. Die persönliche ambulante Leistungserbringung durch den Chefarzt kann jeder Patient mit Überweisung seines Hausarztes oder Facharztes in Anspruch nehmen. Die vorherige Terminabsprache erfolgt über die Schmerzambulanz.
Nachgefragt
Was tun bei chronischen oder akuten Schmerzen? Fragen an Dr. Gerhard Deynet, Chefarzt des Schmerzzentrums Ortenau am Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim
Herr Dr. Deynet, ab wann spricht man von chronischen Schmerzen?
Wenn der Schmerz ein paar Monate anhält und nicht wieder abklingt. Dann hat er seine Warnfunktion als akuter Schmerz verloren und ist zur selbstständigen Erkrankung geworden.
Behandelt das Schmerzzentrum des Ortenau Klinikums nur Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden?
Wir behandeln sowohl chronisch als auch akut schmerzkranke Patienten.
Was genau versteht man unter chronischen Schmerzen, bzw., wo treten diese auf?
Die häufigsten chronischen Schmerzformen sind:
Häufig hört man von der „Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion“. Was genau ist darunter zu verstehen?
Bei chronischen Schmerzpatienten spielt immer auch die Psyche eine starke Rolle. Bei dieser Methode lernen die Patienten, die Wahrnehmung ihres Schmerzes zu verändern.
Was zeichnet das Schmerzzentrum Ortenau aus?
Wir betreuen jedes Jahr etwa 900 Patienten und legen dabei größten Wert auf eine partnerschaftliche Patientenbeziehung. Zudem arbeiten wir intensiv mit Ärzten aller schmerzmedizinisch relevanten Fachgebiete zusammen, inklusive Psychologen, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten. Das Schmerzzentrum Ortenau ist als „Regionales Schmerzzentrum“ zudem ein wichtiges Bindeglied in der schmerztherapeutischen Versorgung der Region und über die Landesgrenzen hinweg
| Dr. Gerhard Deynet |
Kontakt
Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim
Schmerzzentrum Ortenau
Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums erhalten die Patientenzeitschrift, die Druckausgabe erscheint zwei Mal jährlich. Hier auch zum Download.
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